Psychologieverständnis an unserer Fakultät
Der Gegenstand der psychologischen Forschung, ihre Methoden und ihre Ergebnisse sind immer von dem zugrundeliegenden Menschenbild abhängig. Hauptziel der Psychologie – so wie sie am Wiener Institut gelehrt wird – ist es, überprüfbare Aussagen über Erleben und Verhalten des Menschen zu machen. Ihre am häufigsten angewandten Methoden sind statistischer Art. Menschen, ihr Verhalten, ihre Gefühle, ihre Einstellungen… werden in Zahlen verwandelt und mittels oft sehr komplizierter statistischer Verfahren miteinander verglichen. So möchte mensch zu möglichst objektiven Aussagen über den Menschen kommen. Dazu kommt noch eine starke biologische Komponente (Gehirnströme messen etc.).
Der Psychologie an der Uni Wien liegt also ein stark naturwissenschaftlich-experimentell geprägtes Menschenbild zugrunde. Zugänge, die auf mehr abzielen, als Menschen nur in Zahlen zu pressen und ihr Erleben und Verhalten auf biologische Ursachen zurüchzuführen, werden der Unwissenschaftlichkeit verdächtigt und finden sich kaum im Lehrplan, wie z.B. psychoanalytische, feministische, Kritische oder postmoderne Psychologien oder qualitative Methoden. So bleiben weite Themenbereiche am Institut in Wien nahezu gänzlich ausgespart. Um dir eine theoretisch und praktisch fundierte Ausbildung anzueignen, bist du ein Stück weit auf dich selbst gestellt. Das heisst, dass du, wenn du ein bisschen stöberst, interessante und alternative Inhalte finden kannst. Außerdem ist es empfehlenswert, über das Pflichtpraktikum hinaus in andere Bereiche hineinzuschnuppern.
Im ersten Studienabschnitt wirst Du vor allem mit folgenden Inhalten konfrontiert: Allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Wahrnehmung, des Denkens, des Lernens, der Sprache / Wie führe ich psychologische Experimente durch und welche statistischen Methoden gibt es zu deren Auswertung? Wie konstruiere ich psychologische Tests? / Das Nervensystem, das Hormonsystem, Grundlagen der Vererbung, Biologie vom Gebiß bis zur Ausscheidung / Was ist Intelligenz? Extra- bzw. Introversion, Persönlichkeitstypen / Die psychische und biologische Entwicklung des Menschen / und ein wenig Psychoanalyse.
Dies geschieht leider oft in trockener und praxisferner Weise mittels Frontalunterricht. Es gibt aber ein paar Ausnahmen (z.B. manche Proseminare), und außerdem kannst Du Dir ein freies Wahlfach wählen, das Dich interessiert. Im zweiten Studienabschnitt wird es dann etwas besser: Du hast dann die Möglichkeit, Seminare (Arbeit in Kleingruppen, Diskussionen) zu Themen zu wählen, die Dich näher interessieren. Aber auch hier läßt das Angebot, sowohl was die Anzahl als auch was die Inhalte betrifft, stark zu wünschen übrig.
Um die Zahl der NeuanfängerInnen zu dezimieren, hat das Institut als erste Selektion eine Eingangsprüfung eingeführt.
Studierendenfeindliche Massnahmen
Daß Studierende am Institut oft unerwünscht sind, kann m/f gleich zu Beginn an vielen Kleinigkeiten erkennen. Ausserhalb der Sprechstunden bzw. Sekreteriatsöffnungszeiten empfiehlt es sich nicht, Institutsangehörige anzusprechen. Ein gutes Beispiel diesbezüglich bietet die Abteilung für angewandte Psychologie im NIG, die für Studierende nur mehr zu Sprechstundenzeiten betretbar ist. Auch was die Räumlichkeiten anbelangt lädt das Institut nicht gerade zu einem längeren Aufenthalt ein. Im Gegensatz zu vielen anderen Studienrichtungen gibt es bei uns keinen offiziellen Kommunikationsraum, Sitzgelegenheiten sind Mangelware. Aus diesem Grund wollen wir den Studienrichtungsvertretungsraum an „unserem“ kripsMontag für die Studierenden öffnen und ihn zu einem Kommunikationsraum (KORA) umwandeln.
Studiensituation
Das Studium ist geprägt von Massenveranstaltungen, Frontalunterricht, Raumnot, schlechter Betreuung und der dadurch oft ausgelösten Ellbogenmentalität unter den Studierenden. Berufsbereiche von PsychologInnen umfassen u.a. Klinische Psychologie, Schule, Wirtschaft, Diagnostik, Forschung, Umwelt, Gesundheit, Verkehr, Gruppenpsychologie, Evaluation. Für bestimmte Berufsbereiche sind Zusatzqualifikation notwendig. Es ist auf alle Fälle wichtig, Praxiserfahrungen zu sammeln und Zusatzkompetenzen zu erwerben.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Mit Abschluss eines Psychologiestudiums bist Du auf jeden Fall keinE PsychotherapeutIn. (Dafür musst du eine eigene Ausbildung machen, deren ersten Teil, das Pröpädeutikum, du fast vollständig im Rahmen des Studiums absolvieren kannst.)
Wie Du siehst, stellt das Psychologiestudium einige Ansprüche an Dich, aber laß Dich trotzdem nicht abschrecken… Wir freuen uns auf dich!
Psychologiestudium und Selbsterfahrung
Bei der Auseinandersetzung mit persönlichen Problemen, wie “Was ist eigentlich Liebe? Warum nimmt eine Freundin von mir Drogen? Warum ist hackeln so öd? Wann schaffe ich’s endlich, mich gegen meine Eltern durchzusetzen?” einerseits und mit sozialen Fragen wie z.B. Gewalt in der Familie und auf den Straßen, Fremdenhaß, Kriege, Armut… andererseits, werden Dir die teilweise schon ziemlich verstaubten und theoretischen Lehrinhalte selten helfen können. Trotzdem ist die Beschäftigung mit solchen Fragen für angehende PsychologInnen besonders wichtig. In Deiner späteren beruflichen Praxis – ob Du nun SchulpsychologIn, WirtschaftspsychologIn, GefängnispsychologIn etc. wirst, psychologische Beratung machst oder in die psychologische Forschung gehst – wirst Du immer mit Menschen und deren Problemen konfrontiert werden. Deswegen wäre es wichtig, Dich während des Studiums mit Dir selbst und Deinen Beziehungen zu anderen Menschen auseinanderzusetzen. Außerdem solltest Du über Deine spätere Rolle als PsychologIn in der Gesellschaft nachdenken. Leider bietet Dir das universitäre Psychologiestudium aber kaum Möglichkeiten zu einer solchen Auseinandersetzung. Du mußt also selbst die Initiative ergreifen. Wenn Du das einigermaßen schaffst und Dich für Menschen und ihre Beziehungen und Probleme interessierst, laß Dich trotzdem nicht abschrecken.