Statistik

Woanders mitmachen oder selbst etwas erfinden?

Statistik und Naturwissenschaft. Für ein erweitertes Psychologieverständnis

Es ist eine Grunderfahrung im Psychologie-Studium, dass mensch von Anfang an statistische und mathematische Methoden zu erlernen hat, und zwar mit spärlichen Angaben über mögliche Gründe und Notwenigkeiten. Irgendwie steht im Raum, dass aus der Psychologie nur dann eine „ordentliche“, verlässliche und „g´scheite“ Wissenschaft werden kann, wenn sie Statistik, Formeln sowie diverse naturwissenschaftliche Verfahren anwendet – aber bei näherem Nachfragen stellt sich heraus: Keine/r weiß warum! Die vielleicht einzige des Öfteren angeführte Begründung ist der „gute Ruf“ der Wissenschaft Psychologie. Diese will ein Ansehen erreichen als ernstzunehmende, die Welt mit Zahlen & Daten beliefernde Wissenschaft. Jedoch bezieht sich das Bedachtsein auf den „guten Ruf“ in allen messbaren Fällen vermutlich stark auf eine mehr oder weniger angstgeleitete Anpassung an vermutete Vorgaben von „außen“ (von wem oder woher diese auch immer kommen mögen). Als inhaltlicher Beitrag, was Psychologie ist und vielleicht sogar dafür, wie eine sinnvolle und „gute“ Wissenschaft Psychologie aussehen könnte, taugt das Bedachtsein auf den guten Ruf eher wenig. Es stellt sich die Frage: Sollen uns andere von außen sagen, wer wir sind und was wir als wissenschaftliche PsychologInnen gefälligst zu tun haben? Oder will die Wissenschaft Psychologie dies selbst bestimmen und herausfinden? (Zur Gänze lassen sich diese zwei nicht trennen –aber ein Stück weit schon.) In andren Worten: Wollen wir endlich woanders mitspielen dürfen und dort ernstgenommen werden? Oder stellen wir die Spielregeln selbst auf und begreifen diese als laufend zu korrigierende/ erweiternde?
Nun ist eine Zahl durchaus etwas Schönes, und auch eine Hirnstrommessung hat ihren optischen und intellektuellen Reiz. Aber sind sie deswegen schon hart? So richtig tough und tougher als tough: Harte faktenliefernde Wissenschaft? (Härter z.B. als die Interpretation eines qualitativen Interviews ganz ohne Zahlen?)
Aus der Wissenschaftstheorie ist folgendes bekannt. Jedes „Faktum“ aus der Forschung, jede Zahl und jede Messung müssen in einem oft mühsamen Prozess gedeutet, verstanden und interpretiert werden. Hiermit wäre Wissenschaft vielleicht nur mehr cool, nicht mehr tough. Außerdem bestimmen Art und Inhalt der Fragestellung sowie die gewählt Methode überaus stark mit, was am Ende der Untersuchung überhaupt als mögliches Ergebnis herauskommen kann. Und auch die forschenden Personen bzw. die forschenden Teams haben bestimmte Motive, Interessenslagen, sowie unterschiedliche Vorerfahrungen bzw. Vorwissen. Alles dies fließt in die Auswahl eines Forschungsthemas, in die Herangehensweise, in die Formulierung von Fragestellungen und Hypothesen, in Planung und Durchführung der Untersuchung usw. usw. ein.
Es geht hier nicht darum, statistische und naturwissenschaftliche Methoden prinzipiell zu „verteufeln“ oder abzulehnen. In vielen Fällen kann eine gut durchdachte Anwendung statistischer Methoden sicherlich Sinn machen. (Gutes Beispiel: Pierre Bourdieus klassische Studie über soziale Ausschlussmechanismen „Die feinen Unterschiede“) Es gibt jedoch unserer Meinung zahlreiche Probleme in der jetzigen alltäglichen Praxis, wie Statistik etc. an der Uni gelehrt bzw. angewendet werden.
Zum einen kommt die Frage nach der „Gegenstandsangemessenheit“ kaum vor: Also die Frage, wann und bei welchem Thema welche Methode Sinn macht. Die reflektierte Entscheidung, wann welche Methode gewählt wird (Varianzanalyse oder Interview oder Gruppendiskussion z.B.). Viele interessante und wichtige Fragestellungen sind schlicht nicht „bearbeitbar“, wenn sie ausschließlich durch den naturwissenschaftlichen Methoden-Kanon gezwängt werden.
Ein weiteres Problem sehen wir im faktischen Ausschluss bzw. Zu-Kurz-Kommen von anderen Methoden und am mangelnden Überblick, was es sonst noch gibt. Auch das überzogene Selbstverständnis von Statistik als „harter und objektiver Wissenschaft“ scheint uns nicht haltbar – leider werden im Zuge dieser „Überschätzung“ andere wissenschaftliche Positionen und Vorgehensweisen implizit oder explizit abgewertet.
Wir von krips sehen es immer wieder als unsere Aufgabe, in kritisch-konstruktiver, aber auch nachdrücklicher Weise auf diese Probleme hinzuweisen. Wir setzen uns deshalb auch für den Ausbau von qualitativen an unserm Institut und in der Psychologie ein.
Wir glauben, dass das Erlernen eines kritisch-reflektierten Anwendens verschiedener und vielfältiger Methoden das Interesse und die Freude am Studieren erhöhen würden. Und das Engagement im Studium sowie Psychologie als Wissenschaft würden dadurch gefördert.


Es wird das Gerücht verbreitet, dass Erkenntnisse der Wissenschaftstheorie gegenüber PsychologInnen und PsychologiestudentInnen gezielt verheimlicht würden. Wir weisen dies in aller Deutlichkeit zurück und sind selbst die lebende Widerlegung dieser quasi-Hypothese!

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